Der Kranich fliegt weiter

Heute gibt es mal keinen Beitrag mit einer Reihe von Fotos, sondern einen kleinen Bericht über ein Erlebnis, was mir sehr nahe gegangen ist.

Wie man an den Fotos aus vielen Teilen der Welt sieht, komme ich ein wenig rum. Das liegt an meinem Beruf. Ich arbeite bei Lufthansa in der Kabine als Flugbegleiter.

In den letzten Wochen und Tagen prasseln die Ereignisse und Neuigkeiten auf uns ein. Die Aussichten werden immer düsterer und langsam mischt sich die Angst um den Arbeitsplatz in die Gedanken. Der Virus und die daraus mögliche Erkrankung erschreckt mich persönlich, ich meine für mich selber, nicht so sehr. Ich bin zwar keine 20 mehr, aber dennoch noch zu jung, um in die Altersrisikogruppe zu fallen. Auch wenn jetzt vermehrt von schwer erkrankten jungen Menschen die Rede ist, fühle ich mich als Sport treibender Nicht-Raucher nicht direkt gefährdet.

Einige Zeit alleine zuhause zu verbringen, schreckt mich auch nicht übermäßig, da ich außer auf den Flügen, sowieso viel Zeit alleine verbringe. Kontakt zu Menschen reicht mir auf meinen Flügen, das brauche ich privat dann nicht mehr 🙂

Angst machen mir aber die Folgen der Pandemie. Anfang Februar saß ich im Urlaub auf dem Balkon auf Tenerife in der Sonne und habe von den abgesagten Flügen nach China gelesen. Ok, da ist weit weg, China und Asien fliege ich persönlich eh sehr selten. Das wird sich wieder einrenken. Wenig später hieß es, dass wir nur noch 95% des Flugprogramms anbieten können, dann 50%, woraus schnell 25% wurden. Für nächste Woche sind 5% anvisiert und aus München fliegt nichts mehr mit der Lufthansa Classic. Die wenigen stattfindenden Flüge werden durch die Cityline durchgeführt. Auch bei uns in Frankfurt steht die Kurzarbeit kurz vor der Einführung. Es findet nur noch ein minimales Flugprogramm statt.

Die letzten und auch nächsten Tage werde jedoch viele Rückholflüge durchgeführt, um Deutsche aus dem Ausland zurückzuholen.

Nach zwei Wochen fliegerischem Nichtstun, war ich gestern unheimlich froh als Lufthansa mich aus dem Standby anrief und nach Casablanca schickte.

Wir sollten mit einem Airbus 321 leer, wir nennen das Ferry, nach Casablanca fliegen, und von dort mit 200 Passagieren, also komplett voll, wieder zurück nach Frankfurt fliegen. An dem Tag gingen vier Flieger nach Casablanca, wovon drei aus Frankfurt kamen. Bis kurz vom Abflug war nicht sicher, ob wir wirklich fliegen, weil der marokkanische Flugraum geschlossen sein sollte…oder so. Es war zumindest nicht 100%ig sicher. Aber dann ging es doch los.

Der Hinflug war entspannt, wir hatten Spaß, den gesamten Flieger für uns, und es war warmes Essen für uns beladen. Die drei Stunden Flugzeit vergingen zügig.

In Casablanca zog sich das Bording dann jedoch hinaus. Es gab irgendwelche Probleme, zu viele Passagiere, die mitwollten und Unklarheiten mit der dortigen Station. Wie Passagiere nachher erzählten muss es auf dem Flughafen sehr chaotisch gewesen sein. Sie mussten die Tickets am Flughafen kaufen und wer am besten drängeln konnte, war erfolgreich. Viele hatten eine lange Anreise hinter sich oder eine Nacht auf dem Flughafen, und ständig die Unsicherheit, ob, wann und wie sie wieder nach Hause kommen.

Naja, irgendwann ging es dann doch los. Wir spürten schon beim Einsteigen eine große Dankbarkeit. Mehrfach wurde uns gedankt, dass wir gekommen sind, um sie abzuholen. Dass wir trotz des Virus arbeiten, arbeiten an einem Ort an dem viele Menschen zusammen sind.

Nach dem Start wurde applaudiert und die Anspannung fiel bei den Menschen ab. Der anschließende Service hat sehr viel Spaß gemacht, weil die Marokkaner sehr nette Menschen sind, aber gleichzeitig viel wuseliger und „chaotischer“ als wir es gewohnt sind 🙂 Es war anstrengend und unsere Multitaskingfähigkeit wurde von allen Seiten gleichzeitig in Anspruch genommen :-)) Aber wenn die Stimmung gut ist und die Menschen nett, dann ist das in Ordnung.

Spätestens nach der Landung in Frankfurt wurden wir für die Anstrengung belohnt. Die Purserette konnte kaum die Ansagen nach der Landung machen, weil der gesamte Flieger applaudierte, johlte und Pfiff. Man kennt das Klatschen bei Charterflügen…aber das war etwas komplett anderes! Diese Dankbarkeit, die die Passagiere damit zum Ausdruck brachten, war überwältigend. Und auch jetzt beim Schreiben bekomme ich wieder eine Gänsehaut.

Menschen können so unglaublich anstrengt und nervtötend sein, aber gleichzeitig können sie einem auch so viel mehr geben als jedes noch so hohe Gehalt oder noch so hoher Bonus. Ich hoffe sehr, dass dies nicht mein letzter Flug war. Ich möchte noch viele Jahre weiter fliegen und Menschen von A nach B bringen. Nicht unter Voraussetzungen wie sie jetzt herrschen, aber auch jetzt fliege ich solange es geht, um alle dorthin zu bringen, wo sie hinwollen.

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